Dr. Dr. Franz Josef Klassen

Fauchend und ächzend quälten sich die beiden Lokomotiven vor dem Eilzug von Köln über Euskirchen nach Trier bei Schmidtheim die Höhe hinauf, und nun lag die Eifel wie eine sanfte Hügellandschaft vor uns. Wir, mein Bruder Ludwig und ich, die Ferienkinder aus der Stadt, konnten sie kaum erwarten, die nächste Stunde, da der Zug hinunter ins Kylltal rasselte, in der Erwartung der Ferienwochen, die nun Wirklichkeit wurden.
Mit guten Ermahnungen von Vater und Mutter versorgt und einem mitleidig wehmütigen Blick von Schwester Elsbeth, die der vermeintlichen rauhen Luft des Landlebens nicht ausgesetzt werden sollte, verabschiedet, lag sie vor uns, die große Freiheit, von der wir Jahr für Jahr träumten. Hatte im vergangenen Jahr noch unser Ferienaufenthalt schon nach wenigen Tagen ein plötzliches und jähes Ende gefunden, da uns das Heimweh einen Strich durch die Rechnung machte, als unser gutes Kindermädchen schon nach wenigen Tagen von Wallenborn nach Bonn zurückreiste, so hatten wir uns jetzt vorgenommen, alle persönlichen Gefühle hintanzustellen und Wallenborn und alles, was dazugehörte, in vollen Zügen zu genießen.
Es war der Sommer 1940, das erste Kriegsjahr. In Wallenborn hatten wir mit unserem Vater im August 1939 noch einige frohe Tage verbracht, bevor er zum Kriegsdienst einberufen wurde. Das Erlebnis des Abschiedes steckte uns noch in den Knochen, doch als Kinder ihrer Zeit, für die Soldaten, Panzer und Flugzeuge tägliches Spielzeug waren, kamen die Schrecken des Krieges erst gar nicht auf. Und nun Sommer 1940, der Vater würde bald aus Frankreich nach Hause zurückkehren. Auch das versetzte uns in eine erwartungsfrohe Stimmung, als schließlich am späten Nachmittag der Zug auf dem kleinen Bahnhof Halt machte, wo uns nun Onkel Alois mit dem Leiterwagen und dem Kuhgespann abholen würde.
Und wirklich: Da stand er, ganz so, wie wir uns ihn vorgestellt hatten. Die Peitsche in der Hand. die Arbeitsjacke auf der Schulter, leicht vornüber gebeugt und dennoch in den grauschwarzen Stiefeln fast würdevoll. So, als ob er sich der wertvollen Last bewußt wäre. die er da in den nächsten
3 Stunden mit seinem Kuhgespann zu befördern hatte! Ein kurzer Gruß, einige karge Worte des Empfanges, und dennoch hatten wir Ferienkinder das Gefühl, herzlich willkommen zu sein. Schnell waren Koffer und Taschen auf dem Leiterwagen verstaut, und ab gings im Schneckentempo den Berg hinan, die Serpentinen hinauf, durch Wald und Feld, Richtung Wallenborn. Daß uns bald das Geschaukel auf den querliegenden Brettern des Leiterwagens zu langweilig und auch für die edlen Teile des Körpers nicht gerade erholsam war, hatten wir schnell herausgefunden, und so liefen wir mehr neben dem Wagen her oder voraus, als daß wir uns gemütlich fahren ließen. Ja, es war schon ein wenig langweilig, die Anfahrt, von der wir so geträumt hatten. Doch die Erzählungen des Onkels, die Unheimlichkeit des Waldes und schließlich das Geheimnisvolle, was mit dem Ort und Namen des Weilers Rom, kurz vor Salm, verbunden war, ließen schließlich die Fahrt doch zu einem Erlebnis werden. So lag endlich nach drei oder mehr Stunden, als wir die Höhe oberhalb Salms erreicht hatten, Wallenborn im Tal, im Glanz der untergehenden Abendsonne vor uns.
Jetzt ging alles sehr schnell, selbst die dösig dahintrabenden Kühe begriffen, daß die Heimat nahe war und legten einen Gang zu. Und da stand sie schon, unsere Tante Lis, von der wir wußten, daß sie fast nie nein sagen konnte und die nächsten Wochen ganz für uns da war. Schnell hatte es sich im Dorf rundgesprochen, daß die Bonner wieder im Anmarsch waren, und so glich unser Einzug in Wallenborn mehr einem würdigen Empfang, den wir sichtlich genossen, als dem Auftakt eines von Freiheit strotzenden Ferienerlebnisses.
Ausgepackt war schnell, mit der städtischen Kleidung legten wir auch die städtische Erziehung ab, streiften die Lederhosen über, zogen Baumwollsocken und festes Schuhwerk an und beschlossen, diese Verwandlung in den nächsten Wochen durchzuhalten, uns wenig bewußt, daß Lederhosen und grün- oder rotkarierte Hemden wohl eher als eine Montur für den Bayerischen Wald oder für Ferien an Tegernsee, als für einen Aufenthalt in der Eifel gedacht waren. Doch dies störte meinen Bruder und mich wenig, gab uns diese Kluft doch das Gefühl, mit ihr in Wallenborn untertauchend ganz Mensch zu sein.
Schon das Abendessen war eine Wucht. Onkel und Tante, der Großvater, die Cousinen und wir harrten der Dinge, die da kommen sollten. Auf dem Holztisch die Pfanne mit Eierrehr, von dem wir damals schon wußten, daß die Qualität streng ortsgebunden war, daneben eine weitere Pfanne mit Bratschrumpern. Jeder von uns eine Gabel in der einen und ein Stück Brot in der anderen Hand, hatten wir kaum die Möglichkeit, die Hände zum Tischgebet zu falten. Daß "Herrgott, himmlischer Vater" und "der süßeste Name unseres Herrn Jesus Christus" waren denn auch nur in ihren Anfangsversen von ihrem Gebetscharakter her zu verstehen. Selbst der strenge Blick des Großvaters brachte es nicht fertig, die Artikulation der einzelnen Gebetsworte deutlich über unsere Lippen zu bringen. Das Eierrehr in der Pfanne, fein säuberlich in einzelne Dreiecke aufgeteilt, mußte dazu verleiten, grenzüberschreitend bei übergroßem Hunger in des Nachbarn Gefilde einzubrechen. Dies wurde jedoch hingenommen im Hinblick darauf, daß die Abfütterung mit den Bratkartoffeln ohne Grenzziehung erfolgte. Das abschließende Kreuzzeichen ging meist im Gabelschwingen der Eßcorona unter und die Tatsache, daß man auch mit vollem Mund einmal seinen Glücksgefühlen freien Lauf lassen durfte, machte das Gelage zu einem echten Festmahl.
Doch das Schlußgebet war meist verbunden mit dem Hinweis des Wallenborner Opas, daß am nächsten Morgen eine Latein- oder Deutschstunde oder gar eine Stunde "fröhlichen Rechnens" auf dem Programm stünde. Dies war eigentlich eine der wenigen Wermutstropfen, die Jahr für Jahr in das Glas überschäumender Ferienfreuden fielen. Auch der zunächst unternommene Versuch, die entsprechenden Lehrbücher nicht im Reisegepäck wiederzufinden, konnte den Wallenborner Opa, der nach 40-jahrigem Lehrerdasein auf solche Tricks nicht mehr hereinfiel, nicht davon abhalten, uns dann anzudrohen, daß für Kopfrechnen Bücher nicht erforderlich seien. So vorgewarnt für den nächsten Morgen, aber doch nicht ganz unglücklich ob der Tatsache, daß zwischen Traum und Tag uns noch einige Stunden fröhlicher Gedankenspiele blieben, bestiegen wir die hochgepolsterten Betten in der hinteren Kammer des alten Schanzhauses. Die von Tante Lis uns vermittelte Gewißheit, daß der nächste Morgen mit prächtigem Heuwetter schon früh anbrechen würde und der in unserem Elternhaus herrschende Grundsatz; daß positives Denken manch Schicksal zu wenden wußte, ließen uns hoffen, daß Latein, Deutsch oder Rechnen nur eine kleine Episode des Tagesablaufes seien.


Heu und höhere Weihen und wie die Waldbeeren immer weniger wurden

Schnell hatten wir herausgefunden, daß, je früher wir aus den Betten kamen, desto günstiger unsere Chancen standen, Haus, Hof und Studierzimmer mit Kuhwagen, Ackergerät und den Eimern zum Waldbeersuchen zu vertauschen. Und so waren wir auch kaum zu bremsen, wenn nach dem Morgenfrühstück Onkel Alois uns die Peitsche in die Hand drückte und so das Gefühl vermittelte, als seien wir nicht nur kräftige Esser, sondern auch gute Arbeiter. Es entspann sich dann regelmäßig ein kleiner Disput zwischen dem Großvater und dem Onkel, wenn der eine "hü" und der andere "hott" sagte und schließlich die Diskussion über geistige Leistungen und körperliche Pseudotätigkeit in der Kompromißformel endete, daß am nächsten Tag doppelt soviel gerechnet würde. So trabten dann zwei braungescheckte Kühe, dahinter ein Leiterwagen, zwei Ferienkinder und der Onkel mit einigen dienstbaren Geistern Koseschlag oder Reenzelrech entgegen, wo das am Vortag gemähte Gras des Wendens harrte.
Zwar konnten die langen und geraden Heubahnen ermüdend wirken und die ersten Bremsen, die nicht nur im Sturzflug auf das Rindvieh, sondern auch auf die morgendliche Schar der Heumacher ansetzten, vermittelten nicht immer das Gefühl eines glücklichen Landlebens: Doch war die Vorstellung, jetzt nicht in einer engen Schulbank sitzen zu müssen genußvoll und ließ, trotz der wie Stukas vom Himmel stürzenden Bremsen, das geradezu paradoxe Gefühl der körperlichen Befreiung aufkommen. Da störten auch nicht der falsch gehaltene Rechen und die Kritik des Nachbarn, der das Heu zwischen die Beine bekam, oder der Juckreiz, den die getrockneten Grashalme in Strümpfen und Schuhen verursachten. Immerhin wußten wir uns in der Nachfolge eines größeren, der auch Jahrzehnte vor uns mit Rechen, Bremsen und allen anderen Unannehmlichkeiten des Landlebens zu kämpfen hatte und, der dann getreu dem Grundsatz des Heiligen Ignatius von Loyola die Feststellung getroffen hatte, daß er zu Höherem geboren sei. Vielleicht war dies der psychologische Hintergrund, der mir dann doch schließlich die Einsicht vermittelte, daß die Penne noch lange nicht die größte aller Katastrophen sei; zumal von diesem zu Größerem geborenen Onkel Johannes, dem Trierer Domkapellmeister, auch die Feststellung kam, daß das Jesuitische "Genoroso saltu", also das morgendliche Ausdembettspringen, völlig unphysiologisch sei, da ja auch jede Pflanze sich morgens erst langsam und nicht plötzlich zu entfalten gedenke. Oft habe ich in meinem späteren Leben an diese Sentenzen gedacht und nicht vergessen, daß die ersten Lebensweisheiten mir auch an Reenzelrech und Koseschlag vermittelt wurden.
Wenn dann die Sonne im Zenit stand und Onkel Alois und die ermüdete schweißgebadete Schar der Heumacher sich zum kargen Mittagsmahl, meist mit Drees und Schmerren, niederließ, dann war mir damals schon als Kind klar, daß das, "ach so fröhliche Landleben" schon seinen Tribut forderte. Auch dies ist eine bleibende Erinnerung an meine Kindheit, ebenso wie das Waldbeerensuchen im Wald hinter Weidenbach. Schon der Anmarsch dorthin, mehr als eine Stunde zu Fuß, in jeder Hand einen Blecheimer, war ein Erlebnis. Gehörten doch schon Instinkt und Erfahrung dazu, den fruchtbarsten Bezirk zu erreichen. Meist zog schon in den frühen Morgenstunden eine ganze Kolonne von Pflückern los und schwärmte dann in die besten Regionen aus, um das harte Tagesgeschäft in gebückter Haltung möglichst erfolgreich abzuschließen. Kolwer Bäpp und Kolwer Marie waren da schon Könner ihres Fachs. Es ist mir heute noch ein Rätsel, wie sie es schafften, bis zum späten Nachmittag ein oder zwei Eimer voll Waldbeeren einzusammeln. Während mein Bruder und ich schon nach kurzer Zeit Schmerren und Drees verspeisten und manchmal uns auch heimlich den Gefäßen der eifrig Pflückenden näherten, um unser durch Nichtstun erzieltes Manko ein wenig aufzubessern, erspürten die echten Wallenborner mit Argusaugen auch die letzte Waldbeerenkultur.

Ja, für uns hatte das ganze etwas Dramatisches, denn das Pflücken gegen die Uhr und angesichts der Mittagssonne verlangte letzte Konzentration. Selbst bei noch so großem möglichen Eifer und noch so großem Vorsatz Leistung zu erbringen, fehlte uns Stadtkindern eben der Spürsinn für die Früchte des Waldes. Auch mangelte es uns an der Gelenkigkeit und Behendigkeit, mit der die Wallenborner Mädchen, mehr auf dem Boden liegend, als gebückt oder kniend, mit flinken Händen ihre Gefäße füllten.
Wenn dann am späten Nachmittag zum Sammeln für den Heimweg gerufen wurde, standen mein Bruder und ich meist ganz enttäuscht vor unseren defizitären Waldbeersammelergebnisen und machten mit großen Augen die Feststellung, daß unser kleiner Waldbeerhügel ob der Feuchtigkeit der Früchte immer mehr zusammenfiel und das Sammelergebnis geradezu vernichtend war. Stand uns auch die Enttäuschung im Gesicht, wenn wir mit unserem mageren Ergebnis in Wallenborn einzogen, so tröstete uns der gute Zuspruch der mit reichem Erntesegen nach Hause heimgekehrten Mädchen, die dann meinten, es sei eben noch kein Meister vom Himmel gefallen und schließlich auch das Gefühl, daß der nächste Tag uns bestimmt schon wieder ein neues Erlebnis bescherte.


Praktische Anatomie - hautnah erlebt

Waren das Wetter mal trübe und der Himmel verhangen, dann war Wallenborn mit all seinen Winkeln und Ecken unser Spielrevier, wo wir mit den Jungen und Mädchen des Dorfes schnell Freundschaft schlossen, wo wir aber auch so manches entdeckten, was uns Stadtkinder nicht nur in Staunen versetzte, sondern auch im wahrsten Sinne des Wortes die Sprache verschlug.
Da wir schnell spürten, in den meisten Häusern des Dorfes zu Hause zu sein, konnte gar nicht das Gefühl aufkommen, irgendein Bezirk sei uns versperrt. Die Wiesen hinter Hauer und an Annen vorbei bis Kolwer und von dort bis zum Ritschberg garantierten den freien Auslauf und bei Hunger die kräftige Schmirr der Tanten und Onkel, wobei die Verwandtschaft 4. und 5. Grades noch als die engere Familie gewertet wurde. Zu der Schar der "verwandten Tanten" gehörte auch Tante Käth, die nicht nur um unser leibliches, sondern in noch viel höherem Maße um unser selig-moralisches Heil besorgt war und die uns immer und überall im Auge hatte. Gerade weil sie uns von dem schmalen Pfad zwischen den Kolwer- und Annen-Häusern wegen des dort zu bestimmten Tageszeiten herrschenden regen "Kuhverkehrs" fernhalten wollte, war dieser Distrikt für uns von besonderem Reiz; erschien doch regelmäßig Onkel Hanni, der gestrenge Ortsvorsteher und amtlich bestellte Stierhalter mit fast starrem Blick und voller Würde, hinter sich ziehend ein stattliches Mannstier von Bullen, jedesmal dann, wenn eine Kuh kurz vorher vorbeigezogen war. Kuh und Bulle mit Begleitung ver-schwanden dann im für uns "Heiligen Sperrbezirk" hinter dem Annenhaus. Wegen dieses eigenartigen Vorbeimarsches wurden wir stutzig und nachdenklich und trotz der AIIgegenwart von Tante Käth gelang es uns, in einem unbewachten Augenblick einen Blick auf die Kultstätte zu werfen. Doch welche Enttäuschung. Da erlebten wir nun einen müde dreinschauenden, den Kopf nach unten gesenkten, breitbeinig dastehenden Bullen hinter einer manchmal geradezu leichtfüßig tänzelnden und dann wieder mehr stampfenden Kuh, die das Kommende kaum erwarten konnte. Eingedenk der Sentenz unseres Vaters, daß große Ereignisse ihre Schatten vorauswerfen, erfaßten wir damals das Tragikomische des Augenblickes natürlich nicht und glaubten, der springfaule Bulle lege zunächst einen kurzen Moment der Besinnung ein, um nach dem Grundsatz, daß Vorfreude die schönste Freude ist, sich auf das große Ereignis vorzubereiten. Als dann aber Onkel Hanni und der Kuhhalter peitschenschlagend, zunächst mit ermunternden, dann mit anfeuernden Worten und schließlich mit lautem Gebrüll das Mannsvieh zu seinen Bullenpflichten antrieben, überfiel uns ob der nun zitternden und gar nicht mehr fröhlich aussehenden Kuh das Gefühl, daß hier einer lebenden Kreatur Gewalt angetan wurde. Doch nach der fachmännischen Erklärung des Gesamtvorganges durch Anne Pittchen und Dubjer Kurt wich unsere zunächst spannungsgeladene Traurigkeit einer gewissen Gleichgültigkeit. Die Feststellung der Kameraden, daß der Amtsbulle und der amtlich bestellte Bullenhalter aufgrund der täglichen Arbeitsleistung schließlich Zeichen der Ermüdung böten, trugen noch dazu bei, daß unsere Sympathien sich mehr und mehr auf deren Seite schlugen. Fortan hatte aber der "Heilige Bezirk" hinter Annenhaus viel von seiner Spannung für uns Kinder verloren. Doch die erlebte Anatomie hatte wohl einen natürlich-kindlichen Forscherdrang in mir stimuliert und das in der Hosentasche steckende Taschenmesser gab mir den Mut, im Bauch einer auf dem Mist von Batzen verendeten Katze nach der Todesursache zu suchen. Da mir das natürliche Wirrwarr der Katzendärme nicht bekannt sein konnte, stellte ich unter der murmelnden Zustimmung der teils interssiert, teils erschrocken dreinblickenden Kinderschar die Diagnose: Darmverschlingung. Die von Batzen Fien, Onns Marie und Onns Christin vorsichtig angebrachten Zweifel an dieser Diagnose wischte ich mit einer vielsagenden Handbewegung und einem strengen Blick auf den offen daliegenden Katzenkadaver zurück. Zweifel an meinen medizinischen Kindheitsdiagnosen kamen fortan nicht mehr
auf.


Gedankenflug beim Kühehüten

Hatten der sprungfaule Bulle und die Katze mit der Darmverschlingung meinen medizinischen Instinkt gelockt, so lenkten die Gedankenflüge beim Kühehüten mich geradezu in nachdenkliche, um nicht zu sagen philosophische Welten. Inmitten der Schar der Kuhhüter und Kuhhüterinnen auf dem Rücken liegend, ließ ich mit den vorbeiziehenden Wolken meine Vorstellungen in die Ferne schweifen, derweil die Kühe in Weizen- und Roggenfeldern sich gütlich taten und die von Kolwer Adolf aus Baumstämmen exzellent geschnitzten Messerschmidt-Jagdbomber oder Stukkas an meinem Auge vorbeizogen. Manchmal rissen uns dann die wie Silberpunkte am Himmel aufblitzenden Bombengeschwader der Engländer und Amerikaner aus unseren kindlichen Träumen heraus, und wir spürten, wie nah Traum und Wirklichkeit waren. Als da einmal ein amerikanisches Flugzeug oberhalb Salm in den Wald stürzte und am Himmel die Fallschirme mit der Flugzeugbesatzung schwebten, erlebten wir Kinder die ganze Dramatik des Kriegsgeschehens, von der sonst Anfang der vierziger Jahre in Wallenborn noch nicht allzuviel zu spüren war. Als dann einer der Amerikaner in die Kriegsgefangenschaft abgeführt wurde, da spürten wir die menschliche Angst und Not, die mit dem unseligen Krieg, von dem wir gemeint hatten, er zöge an uns vorüber, verbunden waren. Und trotzdem: "Da die Menschen und insbesondere die Kinder ihrer Zeit ähnlicher sind als ihren Vätern", waren Soldaten und Kriegsspiele für uns das Natürlichste von der Welt. Nur so ist es heute zu verstehen, daß die von uns beim Kühehüten geplante und schließlich auch ausgeführte "Schlacht am Drees-Büschelchen" so realistisch war, daß die "kämpfende Kinderarmee" in französischen Beuteuniformen die Gegner bis vor Salm verfolgte und die als Krankenschwestern eingesetzten Mädchen des Dorfes alle Hände voll zu tun hatten, die Blessuren der Truppe zu behandeln.


Te Deum Laudamus

Mit dem ewigen Gebet Ende Juli gingen die erlebnisreichen Ferientage für uns Stadtkinder in Wallenborn Jahr für Jahr zu Ende. Zwischen Heu- und Kornernte war dieser Tag so etwas wie ein "feierliches Sichausruhen". Feierlichkeit, aber auch ein gewisses Maß an Fröhlichkeit, legten sich über das Dorf und seine Menschen. Morgens zwei Heilige Messen, dann um zehn Uhr das feierliche Hochamt, am frühen Nachmittag die Vesper und schließlich am späten Nachmittag die Schlußandacht mit dem feierlichen "Te Deum" . Ein Tag, der auch uns Kinder ganz
gefangen nahm: Die Priester am Altar, die feierlichen Gesänge des Chores, das Pange lingua, das ich in der Vesper vorsingen durfte, und alles eingetaucht in den festlichen Duft von Weihrauch und in die himmelanstrebenden Gebete und Gesänge der frommen Gemeinde. Der Großvater, der auf der Empore im fliegenden Wechsel den Platz vom abwechselnd leise stöhnenden und dann wieder Laut fauchenden Harmonium zum Dirigentenpult vor seinem Kirchenchor immer wieder verändern mußte, um mal hier mal da die Melodien und Gesänge der Liturgie zum Klingen zu bringen, stieg nicht nur ob seiner künstlerischen, sondern auch wegen seiner artistischen Fähigkeiten an diesem Tag gewaltig in meinem Ansehen. Nach dem Mittagessen im Schanzhaus, wenn die Priesterschar sich genüßlich und gemütlich nach reichhaltigem Mahl die Zigarren ansteckte, die Beine unter den alten Eichentisch ausstreckte oder sich auf das große, schon etwas altersschwache Sofa zubewegte, kam der Augenblick, wo Wunder und Zauber für uns Kinder ineinander übergingen. Selbst der am Kopf des Tisches thronende Vater Abt von Himmerod geriet ob der zaubernden Hände seines geistlichen Nerother Mitbruders in andächtiges Staunen. Da waren dann die fromme Andacht des Festtages und die augenblickliche Fröhlichkeit des Eifeler Katholizismus so miteinander verwoben, daß man gut Lessings Ausruf in seiner "Minna von Barnhelm" nachempfinden kann: Was kann der Schöpfer lieber sehen, als ein fröhliches Geschöpf!
Was mich nur damals als Kind immer etwas traurig stimmte, war der abrupte Abbruch des festlichen Tages um achtzehn Uhr mit dem Te Deum, dem Ambrosianischen Hochgesang. Die Sonntagskleidung wurde abgelegt, so schnell die Feierlichkeit gekommen war, so schnell war sie jetzt vorbei, und kurz nach der Schlußandacht zogen durchs Dorf wieder die Leiterwagen, mit Heu beladen. Da war denn alles so, als ob gar nicht ein Feiertag gewesen wäre. Und mit dieser Ernüchterung begann eigentlich wieder das Auftauchen aus der kindlichen Wunderwelt der Wallenborner Freiheit in die Realitäten des Bonner Stadt- und Schullebens. Da machte nur der am letzten Ferientag aufgetischte Heelichkochen, mit dem für mich bitteren Buchweizengeschmack, den Abschied von Wallenborn und die nun einsetzende urbane Verwandlung etwas erträglicher. Wenn dann nach der Rückkehr nach Bonn meine Mutter so ihre liebe Mühe mit meiner Resozialisierung hatte und ich von meinen Lehrern teils mit pädagogischem Zwang, teils mit pädagogischer Liebe dazu gebracht wurde, die Schulweisheiten in mich aufzunehmen, dann fühlte ich mich auf einmal Goethe im Rückblick auf die Wallenborner Zeit ganz nahe, der seinen Faust ausrufen läßt: Verweile doch, du bist so schön! Und der griechische Philosoph Aristoteles, dem der Satz zugeschrieben wird, daß alles "im Werden und im Fluß sei", wurde für mich auf einmal ganz sympathisch. Hoffte ich doch, im nächsten Jahr wieder in Wallenborn zu sein.
Das Erlebnis Wallenborn - der Stoff der erlebten Kindheit, aus dem auch noch nach bald fünfzig Jahren die Träume sind? Auf jeden Fall sind es Erinnerungen an ein Dorf und seine Menschen, an die ich in meinem Leben oft zurückgedacht habe und die ich nicht missen möchte.