Matthias Thömmes

Mobilmachung - Kriegsbeginn

Im August des Jahres 1939, stellte sich auch den Wallenbornern die bange Frage: Gibt es Krieg? Am 26. August, einem diesig vergangenen Samstag, machte dann das Schreckenswort "Mobilmachung" dem bangen Warten ein Ende. Zwar wurde der bereits für diesen Tag vorgesehene Angriff auf Polen vorerst noch verschoben, doch brachten die ersten Einberufungen schon Unruhe in die Dörfer.
Am 1. September war es dann soweit: Hitler hatte in den frühen Morgenstunden Polen überfallen und damit den II. Weltkrieg heraufbe-schworen. Zwar blieb in Wallenborn selbst, abgesehen von den Einberufungen, zunächst noch alles beim alten. Doch die folgenden Herbst- und Wintermonate brachten dann einschneidende Veränderungen, da die Westeifel Aufmarschgebiet für den kommenden Frankreichfeldzug wurde.
Schon im Herbst 1939 erfolgten die ersten Einquartierungen, und bald war der Ort mit Soldaten, Militärfahrzeugen, Panzern und Kanonen überfüllt. Das war vor allem für uns Kinder ungemein interessant und aufregend. Wir bestaunten die moderne Ausrüstung der Deutschen Wehrmacht, setzten uns in die Militärfahrzeuge und waren stolz, wenn wir auf den neuen Panzern herum klettern durften.

Was sicher nur noch Wenige wissen: In diesen Monaten fielen in der Nähe von Wallenborn bereits die ersten Bomben; nachts, wahrscheinlich von einem einzeln fliegenden Feindflugzeug abgeworfen. Sie schlugen unweit der heutigen Bundesstraße 257 ein, die damals eine der Haupt-Aufmarschstraßen für den Westfeldzug war. Vermutlich hatten unvollständig abgedunkelte Scheinwerfer der nach Westen rollenden Wehrmachtsfahrzeuge diesen Bombenabwurf ausgelöst. Wir Kinder jedenfalls kletterten anderntags neugierig im frischen Erdreich der aufgeworfenen Bombenkrater und suchten fieberhaft nach Bombensplittern.
Ernst wurde es dann, als am 10. Mai 1940 der Frankreichfeldzug begann und die ersten Gefallenenmeldungen auch in Wallenborn eintrafen.


Schicksalsjahre 1942 bis 1945

Mit dem Angriff auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941, begann die Not- und Leidenszeit des Deutschen Volkes. Sie machte auch vor unseren Eifelorten nicht halt. Immer mehr Väter und Söhne wurden zur Wehrmacht eingezogen. Immer öfter trafen Gefallenen- und Vermißtenmeldungen auch in Wallenborn ein. Lediglich die Rationierung durch Lebensmittelkarten und Bezugsscheine traf die EifeIbevölkerung nicht so hart wie beispielsweise die Bewohner der Großstädte, da durch viele kleinbäuerliche Betriebe die meisten Einwohner Selbstversorger waren.
Dann aber begann der Bombenterror auch in unserer Eifelheimat. Zunächst traf es die größeren Orte, meist die Eisenbahn- und Verkehrsknotenpunkte, wie Gerolstein, Hillesheim, Trier, Ehrang und Wengerohr. Kleinere Orte, wie Wallenborn, blieben vorerst noch verschont, obwohl gerade Wallenborn damals ständig von Soldaten und Wehrmachts-fahrzeugen aller Art überbelegt war. Die Schule war längst geschlossen, da auch die beiden Schulsäle von deutschen Soldaten be-schlagnahmt waren.
Die eigentliche Tragödie begann für die Eifel im Jahre 1944, als am 6. Juni die Invasion der Alliierten in Frankreich anrollte. Waren bis dahin die mittlerweile in England stationierten 6. und 9. amerikanischen Bomberflotten noch harmlos über die Eifeldörfer hinweggezogen, nur ab und zu verfolgt von wenigen deutschen Messerschmitt- und Focke-Wulf-Jägern, so änderte sich das schon wenige Wochen nach der Invasion zunehmend. Die amerikanischen Bomberverbände konnten nun von Frankreich aus starten, was vor allem den Aktionsradius der Begleitjäger wesentlich erweiterte. Pausenlos griffen nun die als Jagd-bomber (Jabos) ausgerüsteten Mustangs, ThunderboIdts und doppelrümpfigen Lightnings nicht nur den deutschen Wehrmachtsnachschub auf Straßen, Brücken, Bahnhöfen und Eisenbahnstrecken im Tiefflug an, sondern jagten auch harmlose Zivilpersonen. Oft mußten wir beim Heumachen oder bei der Kartoffelernte in Deckung gehen, um vor den Bordwaffenangriffen der amerikanischen Jabots Schutz zu suchen. Das war in der Nähe von Wallenborn besonders gefährlich, da die Straße von Daun nach Bitburg stets von deutschen Wehrmachtsfahrzeugen befahren war, die ständig angegriffen und öfters in Brand geschossen wurden.
Dazu kam im Herbst 1944 eine weitere Gefahr, die uns Angst und Schrecken einjagte, allerdings von deutscher Seite: Die V 1.
In den Monaten August und. September 1944 waren nämlich die Abschußrampen dieser angeblichen "Wunderwaffe Adolf Hitlers" in die Nähe von Eckfeld verlegt worden und sollten von hier aus auf London und Südengland abgeschossen werden. Dabei überflogen sie mit donnerndem Getöse und loderndem Feuerschweif auch Wallenborn. Das Böse an diesen Flugkörpern allerdings war, daß viele von ihnen lange vor dem Ziel auf deutschem Boden niedergingen und dort explodierten. So gingen auch etliche dieser, bei der Eifelbevölkerung bald als "Eifelschreck" verschrieenen Flugkörper in der Nähe von Wallenborn nieder und verursachten einen nicht geringen Sachschaden. Die Wirkung war so verheerend, daß wir schließlich mehr Angst vor der eigenen V 1 als vor den feindlichen Flugzeugen hatten und voller Entsetzen in den Keller flohen, sobald das typische Fluggeräusch zu hören war.
Verstärkte militärische Aktionen erlebte Wallenborn dann vor und während der Ardennen-Offensive, die am 16. Dezember 1944 begann. Mehr denn je war das Dorf von Einheiten der Deutschen Wehrmacht, unter anderem auch der Waffen-SS mit neuen Panzern vom Typ "Tiger" und "Panther" belagert. Damit begann auch für Wallenborn die Leidenszeit des Bombenkrieges, denn es wird angenommen, daß speziell diese Ein-heiten die Ursache für die kommenden Katastrophen waren.
Nachdem Daun am 19. Juni 1944 von einem schweren Bombenangriff heimgesucht worden war, traf es Wallenborn wahrend der Weihnachtstage 1944. Für diese Zeit hatten die Meteorologen ein Hochdruckgebiet vor-ausgesagt, das Kälte und Sonne bei klarem Wetter brachte. Es war also ideales Flugwetter, welches die alliierten Luftstreitkräfte weidlich ausnutzten. Bereits am späten Heiligabend fielen die ersten Sprengbomben ins Ortszentrum und zerstörten einige Hauser in der Nähe der Kirche. Dabei wurden vier Personen getötet.
Am nächsten Morgen griffen dann schon vor dem Weihnachtshochamt amerikanische Jabos den Ort mit Phosphor-Brandbomben im Tiefflug an und setzten das Wohnhaus und die beiden Scheunen des Anwesens Klassen in Brand. Entsetzt flüchtete nahezu die gesamte Bevölkerung aus dem Ort, um draußen Schutz vor weiteren Angriffen zu suchen. Erst nach Einbruch der Dunkelheit wagten wir uns wieder zurück in die Häuser.
Da die Fliegertätigkeit der Amerikaner tagsüber weiter anhielt, suchten wir nun Tag für Tag Zuflucht in selbst gebauten Bunkern außerhalb des Dorfes. Wie berechtigt diese Maßnahme war, zeigte der 18. Februar 1945, ein Sonntag. Da das Wetter an diesem Tage neblig und wolkenverhangen war, rechnete niemand mit einem Bombenangriff.
So waren die meisten Wallenborner in ihren Häusern geblieben. Auch als nachmittags Fliegergeräusche zu hören waren, dachte niemand an Schlimmes. Um so entsetzter waren wir, als plötzlich ein Rauschen einsetzte und innerhalb kurzer Zeit ein Bombenteppich von etwa 80 Bomben in und um Wallenborn niederging. Voller Panik flüchteten die Menschen in die Keller, aber es war schon zu spät. Mehrere Häuser am Ortsrand waren zerstört, und überall gähnten Bombenkrater. Sechs Tote waren diesmal zu beklagen, und es war ein hoher Sachschaden entstanden.


Die "Amis" kommen

Das Scheitern der Ardennen-Offensive führte zum raschen Vormarsch der alliierten Truppen an der gesamten Westfront. Am 29. Januar 1945 durchbrachen drei amerikanische Divisionen den Westwall zwischen Reuland und Schönberg, (deutschsprachiges Belgien). Vom 7. bis 11. Februar setzten die Amerikaner mit ihren Sherman-Panzern zwischen Wallendorf und Echternach über die Sauer. Die Reste der deutschen Wehrmacht mußten sich ins Innere der Eifel zurückziehen. Zwar sollten sie an der Kyll eine neue Hauptkampflinie errichten, doch nur an wenigen Stellen wurde ernsthaft Widerstand geleistet. Fluchtartig setzten sie sich vor den heranrückenden Amerikanern ab, nachdem sie Brücken, Bunker und die Rohre ihrer Geschützbatterien gesprengt hatten. Auch in Wallenborn verstopften die zurückweichenden Deutschen die verschlammten Straßen mit ihren Fahrzeugen, nachdem schon tagelang vorher der Geschützdonner von der nahen Front zu hören war.
Am Montag, dem 5. März war es dann so weit. Bereits am frühen Nachmittag hatten wir einen amerikanischen Artillerie-Aufklärer beobachtet, der über Weidenbach seine Kreise zog. In den Vorabendstunden erschienen dann die Spitzen der 4. US-Panzerdivision General Pattons am westlichen Horizont von Wallenborn. Sie waren im Eilmarsch, über Badem der Straße von Bitburg nach Daun folgend, in einem schmalen Keil vorgestoßen, um so schnell wie möglich den Rhein zu erreichen. Die Einnahme von Wallenborn ging ohne Kampf vor sich, da der Ort fast vollständig von deutschen Soldaten geräumt war. So konnten die amerikanischen Panzer das Dorf widerstandslos besetzen, während wir ängstlich in den Kellern saßen. Lediglich einige Hauswände wurden vom Maschinengewehr-Feuer beschädigt, und eine Panzergranate setzte die Scheune des Hauses Becker, in der Nähe des Heiligenhäuschens in Brand.
So waren am Abend des 5. März 1945 die Orte Weidenbach, Salm und Wallenborn in amerikanischer Hand. In einem Funkspruch der 4. amerikanischen Panzerarmee vom Morgen des 6. März heißt es: "5.15 Uhr, Panzer haben Brücke in OberstadtfeId unzerstört genommen und halten Sie. Die Orte Salm und Wallenborn besetzt und gehalten." In Wallenborn waren nun die Kriegshandlungen beendet. Doch wie sah es hier aus: zerstörte Häuser, abgedeckte Dächer, zertrümmerte Fensterscheiben, verschlammte Straßen, wohin man sah. In den mit Wasser gefüllten Bombentrichtern schwammen die Kadaver toter Pferde. Überall war von der Deutschen Wehrmacht zurück gelassenes Kriegsmaterial: Fahrzeuge, Handgranaten, Munition aller Art. So mancher Eifeler mußte noch nach dem Durchzug der Amerikaner durch explodie-rende Munition sein Leben lassen, auch in Wallenborn.


Nachkriegszeit und Aufbaujahre

Mach der Kapitulation am 8. Mai 1945 und dem Abzug der Amerikaner normalisierte sich das Leben in Wallenborn nur langsam. Wie überall begann zunächst das große Aufräumen der Trümmer der zerstörten und beschädigten Häuser und die notdürftige Reparatur der gröbsten Schäden, und zwar mit ganz bescheidenen Mitteln. Es gab ja kein Glas und keine Dachziegel. So behalf man sich mit Blech und Pappe. Schon im Frühsommer 1945 kehrten die ersten Kriegsgefangenen heim und bald regte sich auch wieder das Bedürfnis nach Unterhaltung und Tanz. An Weihnachten 1945 wurde im Schulsaal wieder Theater gespielt und das Tanzbein geschwungen. Als Kapelle genügten ein Akkordeon und ein Schlagzeug. Auch das politische Leben erwachte wieder. Im Zuge der Einteilung Deutschlands in drei Zonen hatten bereits im Juli 1945 die Franzosen die Verwaltung unseres Gebietes übernommen. Wer kennt nicht noch den damals populären Schlager: "Wir sind die Eingeborenen von Trizonesien?" (Trizonesien - drei Zonen). Am 15. September 1946 erfolgten die ersten Kommunalwahlen nach dem Kriege. Trotzdem war bittere Notzeit. Zwar brauchte in Wallenborn niemand zu hungern, doch mangelte es an vielem, Speiseöl wurde aus gesammelten Bucheckern gewonnen und den fehlenden Bohnenkaffee ersetzte selbst gerösteter "Muckefuck" aus Gerste und Roggen. So mancher trug eine umgearbeitete deutsche Soldatenuniform, da es auch noch keine Stoffe zu kaufen gab, viel weniger denn Anzüge und Kleider. HoIzvergaser ersetzten die Benzinmotoren.
Doch es ging aufwärts. Die ersten Fußballspiele wurden organisiert. Daraus entwickelte sich dann später der Sportverein Wallenborn. Der Schulbetrieb war im Februar 1946 von zwei HiIfslehrkräften wieder aufgenommen worden. Mit der ersten Landtagswahl für das neue Bundesland Rheinland-Pfalz am 16. Mai 1947 und der Währungsreform im Juni 1948 begannen dann auch für Wallenborn die später so viel zitierten Wirtschafts-Wunder-Jahre. Eine große Straßenbaufirma wurde beauftragt, eine Kanalisation anzulegen und Teerstraßen zu bauen. Im Zuge einer groß angelegten Dorfsanierung wurde der Ortskern verschönert und die Kirche erweitert. Ein enormer Bauboom setzte ein und vergrößerte den Ort in beachtlicher Weise. Aus dem ehemaligen, von vielen kleinbäuerlichen Betrieben geprägten Dorf wurde ein wohlhabender Arbeiterort. Das Vereinsleben blühte auf. Der bereits im Jahre 1910 gegründete Musikverein erwachte zu neuem Leben, und ein Schützenverein wurde gegründet.
Die Neueinfassung des Drees und des Brubbels, neue Gasthauser und Pensionen machten Wallenborn in den letzten Jahren auch für Touristen attraktiv. Mit für den wirtschaftlichen Aufschwung sorgen zwei Baufirmen und einige Gewerbe- und Handwerksbetriebe. Heute hat Wallenborn 540 Einwohner und zählt zu den schönsten und gepflegtesten Orten des Landkreises Daun. Die Zahl der jährlichen Besucher, welche die "Brubbel" aufsuchen, wird auf 20.000 geschätzt.