Was heißt Friede?


Johann A. Hermes

Die Kriegsjahre erlebte ich als kleines Kind mit meiner Mutter und meiner Großmutter. Es war ein Leben ohne den Vater, der an der Front war. Er kam zwar jedes Jahr auf Urlaub nach Hause, aber in der Zwischenzeit verblaßte meine Erinnerung an ihn immer wieder sehr schnell. Während der Kriegsjahre lebten in Wallenborn Soldaten, die bei uns und in anderen Häusern einquartiert waren. Ein Erlebnis, das mir noch sehr nahe ist, hatte ich am Nikolausabend. Es war mir schon bekannt, daß der Nikolaus ein Bischof war und daher auch so angezogen sein mußte, wenn er die Kinder bescherte. Dieser Nikolaus jedoch trug einen Soldatenmantel und redete pfälzer Mundart. Verwundert sprach ich meine Mutter daraufhin an. "Das ist der Soldaten-Nikolaus", erwiderte sie, und damit mußte ich mich zufrieden geben. Natürlich hatte ich auch den "Nikolaus" erkannt; es war ein Soldat aus der Pfalz, der in unserer Nachbarschaft wohnte.
In den letzten Kriegsjahren überflogen immer häufiger feindliche Flugzeuge unser Dorf. Meine Mutter packte mich dann und rannte mit mir in einen nahe gelegenen Keller, in dem sich auch andere Frauen mit ihren Kindern einfanden. Trotz der feindlichen Bedrohung fand ich hier stets eine Geborgenheit in der Gemeinschaft mit den übrigen Dorfbewohnern. Als wir einmal eine ganze Nacht dort verbringen mußten, war das für mich ein besonderes Erlebnis.
Als Zuflucht vor feindlichen Bombenangriffen hatten die Dorfbewohner rund um Wallenborn in den Wäldern eine ganze Reihe Erdbunker gebaut, die wir immer öfter aufsuchen mußten, da die feindlichen Flugzeuge in stets kürzeren Abständen über Wallenborn flogen. Es kam natürlich auch zu Luftkämpfen zwischen den deutschen und den feindlichen Fliegern, die ich immer mit Spannung verfolgte. Für die Piloten in den abgeschossenen Flugzeugen blieb, wenn sie Glück hatten, nur der Fallschirm als Rettung. An diese FalIschirmabsprünge kann mich noch genau erinnern.
Ausgerechnet am Heiligen Abend 1944 fielen die ersten Bomben auf das Dorf. Ich war mit meiner Mutter und meiner Großmutter zu Hause, als wir plötzlich durch laute Detonationen und Erschütterungen aufgeschreckt wurden. Tage später konnte ich sehen, was geschehen war. Mehrere Häuser bei der Kirche waren völlig zerstört worden. Am darauffolgenden Weihnachtstag gingen die Bombenangriffe weiter. Es war ein klarer Wintertag. Amerikanische Flugzeuge warfen Brandbomben auf Wallenborn. Mehrere Häuser brannten. Meine Mutter floh mit mir in den nahe liegenden Wald. Ich konnte Flugzeuge beobachten, die sich bekämpften. An diesen Weihnachtstagen gab es die ersten Toten und Verwundeten durch Bombenangriffe.
Noch schlimmer wurde es am 16. Februar 1945. Wieder flogen feindliche Flugzeuge über Wallenborn in Richtung Daun. Wir wähnten uns sicher und blieben im Haus. Aber die Flugzeuge kehrten um und überschütteten das Dorf mit einem Bombenteppich. Plötzlich krachte es, unser Haus fiel zusammen und es war völlig dunkel. Nach einiger Zeit voller Angst und Schrecken wagten wir uns aus den Trümmern, und standen vor einem gewaltigen Bombentrichter. Die Bombe war dicht vor unser Haus gefallen. Wir hatten großes Gluck gehabt, aber viele andere nicht, denn sie verloren bei diesem Angriff ihr Leben.
Aber nicht nur feindliche Flugzeuge verursachten Angst und Schrecken, sondern auch die deutschen V 1 Raketen, die über uns in Richtung England flogen. Die meisten kamen nicht weit und stürzten schon über der Eifel ab. Auch rund um Wallenborn gab es viele Einschläge. Die Front rückte immer näher. Die deutschen Soldaten flohen auf dem Rückzug vor den amerikanischen Soldaten mit Panzern, Autos und Pferdewagen durch Wallenborn. Viele Fahrzeuge wurden in der Eile des Rückzuges stehen gelassen. Den deutschen Soldaten folgten die Amerikaner auf dem Fuße. Wir hausten während dieser Tage mit anderen Dorfbewohnern in einem Erdbunker unterhalb des Berges Prümscheid. Dort waren wir sicher und konnten das ganze Dorf überblicken. Wallenborn war nun von amerikanischen Soldaten besetzt. Die Kämpfe waren vorbei. Wir zogen alle zusammen, an der Spitze ein französischer Kriegsgefangene namens Franz, der eine weiße Fahne trug, in Wallenborn ein, um wieder in die Häuser zurückzukehren. Da unser Haus zerstört war, wohnten wir im Elternhaus meiner Mutter. Zum ersten Male sah ich Neger. Die Amerikaner waren freundlich zu uns, gaben uns Kindern Schokolade und andere Süßigkeiten.
Als der Krieg zu Ende war, sagte meine Mutter zu mir: "Es ist kein Krieg mehr, es ist Friede!" Darauf fragte ich sie: "Was ist das. Friede?" Ich kannte dieses Wort nicht.
Der Krieg war zwar vorbei, aber immer noch starben Menschen durch herumliegende Minen und Granaten, wie mein Freund Toni. Im Sommer 1945 kam mein Vater aus der Kriegsgefangenschaft nach Hause und die auch nicht einfache Nachkriegszeit begann.